12017Nov

„Wo wohnt Gott?“
Es herrscht kurzes Schweigen in der 2. Klasse, als die Lehrerin diese Frage stellt. „Meine Mama sagt, dass Gott im Himmel wohnt, aber im Kindergottesdienst hat Jutta gesagt, dass er hier bei uns auf der Erde ist…“ Was stimmt nun? Ein Junge, dessen Vater Arzt ist, hat die Lösung des Rätsels aus seiner Alltagserfahrung parat: „Wohnen tut der liebe Gott im Himmel, aber seine Praxis hat er auf der Erde.“
Diese kleine Geschichte hat es mir angetan! Und sie hat mich schon oft beschäftigt. Die Erde als Gottes Praxis und wir Christen als seine Mitarbeiter in dieser Praxis. Sind wir Mitarbeiter, die das Anliegen ihres Chefs gut vertreten? Spiegeln wir das wieder, was ihm wichtig ist? Fassen Menschen zu unserem Chef Vertrauen, weil wir als seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihnen zugewandt und authentisch sind? Diese Beispiele und Fragen lassen sich beliebig fortsetzen und die meisten Menschen können bestätigen, dass selbst der gefürchtete Besuch beim Zahnarzt seinen Schrecken verliert, wenn eine freundliche Person uns mit einem aufmunternden Lächeln begrüßt.
Mache ich es mir zu einfach, wenn ich einen solchen Vergleich ziehe? Ein einprägsames Beispiel sind für mich Begegnungen und Erlebnisse während des zu Ende gehenden Reformations-Jubiläumsjahres. Da haben Christen aus unterschiedlichen Konfessionen miteinander Gottesdienste gefeiert, über unterschiedliche Auffassungen geredet und auch gestritten und dann miteinander gebetet, weil die Mitte klar war: der Glaube an Jesus Christus und der Wunsch, zum Glauben an ihn einzuladen. Wertschätzung des anderen ist dann eine Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel, wie Gottes „Praxis“ aussehen kann.
„Ich gehöre zu Gottes Bodenpersonal“ – einen Becher mit dieser Aufschrift fand ich in einem Kloster. Seither steht er auf meinem Schreibtisch. – Ich habe in meinem beruflichen Leben viele Menschen kennengelernt, die in ihrem Einsatz für Kinder mit unterschiedlichen Einschränkungen genau aus dieser Überzeugung viel Gutes für Kinder und deren Familien bewirkt haben. – Ein weiteres Beispiel!
Dann steht mir die Frau vor Augen: ihr letzter Arbeitsmonat hat begonnen, dann soll der Ruhestand beginnen. Die Diagnose „Krebs“ verändert plötzlich alle Pläne und Wünsche. Fragen, Ängste, Unsicherheit sind da. Aber auch der Besucher, der ihr den vertrauten Psalm 23 vorliest. Gottes Gegenwart ist ganz nah und spürbar – trotz und in allen Fragen.
Wo wohnt Gott? – Der Religionsphilosoph Martin Buber drückt es so aus: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt!“ Ob wir dies tun, müssen wir selbst entscheiden. Wenn wir es tun, wird Gott durch und mit uns wirken – und das kann spannend und herausfordernd werden. Aber in jedem Fall lohnenswert!
Renate Girlich-Bubeck